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von: Dieter am: 24.08.2012
Autor(in): Dieter    |   24. Aug 2012   |    Kategorie:

mit dem Rennrad ins Ahrtal

Ich hatte mir vorgenommen, die 100 km zu knacken. Ganz habe ich es nicht geschafft. Je länger die Strecken, um so schwieriger wird die zeitliche Disposition, ein entsprechendes Zeitfenster freizuschaufeln. Inklusive Pausen bin ich bei 100 Kilometern immerhin 5 Stunden unterwegs.

Welche Strecke ? Wie viel Kilometer ? Wie schön ist die Strecke ? Wie anspruchsvoll sind die Anstiege ? Welche Windrichtung ? Das sind Fragen, die ich mir vor der Planung einer solchen Strecke stellen muss. Ich bin letzten Freitag geradelt, das war vor der großen Hitzewelle am Wochenende. Trotzdem haben mich die rund 30 Grad ordentlich eingeheizt.
Die Streckenplanung ? Letzten Freitag hatte ich einen Kompromiss entwickelt. Meine 2-3 Standardstrecken gehen über 70 bis 80 Kilometer. Diese hatte ich erweitert um ein Stück, das ich während der Rad -und Touristikfahrt rund um Ahrweiler gefahren bin. Das war ein Stück durch das Ahrtal ,über die B257 aus dem Ahrtal hinaus, über die Kalenborner Höhe und dann nach Rheinbach. 95 km habe ich zusammenbekommen. Obschon ich die 100 km-Marke nicht geknackt habe. Das ist dies immerhin eine Hausnummer !

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Zunächst durch die Grafschaft. Die Obstbau-Plantagen glänzen prall und rot vor lauter reifen Äpfeln in der Sonne, so rot, dass ich am liebsten hineingebissen hätte. Ab Beller hinab ins Ahrtal. Bad Neuenahr, hinter der weit sich öffnenden Autobahnbrücke der A61 ist das noch Vorgeplänkel. In Ahrweiler stellte ich fest, wie homogen sich die Stadtmauer um die Innenstadt legt. Das Ahrtal rückt enger zusammen, erste Weingüter drängen sich bis an die Straße.


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Noch enger zusammen, habe ich in Walporzheim das Gefühl, geradezu überfallartig zwischen den Hängen des Ahrtals gelandet zu sein. Das ist hinter dem Ortsende, die Verkehrsampel steht auf Rot, die Eisenbahnbrücke wirft scharf gezeichnete Schatten. Und beim Anfahren, mit der Grünphase, spüre ich diese Wucht, mit der die Felswand sich senkrecht über dem Gebäude der Winzergenossenschaft erhebt. Rebstöcke quetschten sich talwärts zusammen. Zwischen den Felsen fügt sich eine sauber ausgemessene Terrassenlandschaft ein, wo die Weintrauben wie in einem Flickenteppich wachsen und prächtig gediehen. Das ist faszinierend, wie in der Enge jeder Zentimeter ausgenutzt wird. Das fast nördlichste Weinanbaugebiet Deutschlands blüht vor allem auf mit dem Spätburgunder Rotwein.


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Tief in das Tal hat sich die Ahr eingegraben. Straße und Eisenbahnlinie schmiegen sich eng zusammen und schaffen sogar Platz für einen Radweg, der die Ahr begleitet. Längs der Bundesstraße reiht sich Lokal an Lokal, und auf manchen Sitzplätzen wimmelt es von Ausflugstouristen.
Dernau, ab hier wird sozusagen der Titel eines jeden Ortes durch die Weinkönigin angekündigt. Mandy Großgarten: das Ahrtal lächelt, und ich lasse mich gerne anstecken. Jung, dynamisch, hübsch, wie aus dem Ei gpellt, lässig, eine Krone mit Edelsteinen auf dem Kopf, die sogar glitzern, lässt sie mich daher schweben in der Leichtigkeit des Ahrtals. Das sollte sich wiederholen: bis Altenahr habe ich gelernt, dass wohl jeder Ort sein eigenes Brauchtum mit seiner eigenen Weinkönigin pflegt.
Nach Dernau geht es ausnahmsweise schnurgeradeaus, ausnahmsweise öffnet sich das Ahrtal zu den Seitenlagen, ausnahmsweise glaube ich vor Rech, dass die Weinberge in einer flacheren Neigung die Berghänge hinauf klettern. Doch in Rech knickt die Straße weg, alle Visionen sind verschwunden, der Innenhof einer Weinstube klatschte direkt vor eine Felswand, ein Campingplatz schrumpft zum Flussbett der Ahr zusammen. Mit einem Mal ist sie wieder da, diese Symbiose aus Felsen und Weinbergen, durch dessen Tal die Ahr gepumpt wird wie das Blut in den Adern.
Arndt, Simrock, Schurz, Kinkel, Immermann, die deutschen Romantiker, die sich im Sog der 1848er-Revolution zusammengefunden hatten, hat das Ahrtal fasziniert. Sie wanderten in Gruppen, sangen Lieder, schrieben Gedichte, verfaßten Schriften über das Ahrtal. Ungezügelt dreht die Ahr ihre Schleifen, die B266 dreht Kurven, die Weinberge sind wie in die Felsen gemeißelt. Und hoch auf dem Fels die Burgruine der Saffenburg.
„Wir gingen durch das Felsenportal in das enge Tal ein und konnten über Mayschoß bis zur Lochmühle fahren; von da gelangt man auf steilen Klippenpfaden zu der Ruine, welche das Ziel unserer Wanderung sein sollte. Graue, kraus ineinander -verschränkte Schieferwände, hin und wieder mit Kuppen von anderem Gestein bedeckt, sperren die Gegend zu. Am Fuß der Felsen liegen kleine Ortschaften verstreut, das Flüßchen windet sich an ihnen mäandrisch durch.“

So beschrieb Immermann im 19. Jahrhundert Mayschoß mit der Saffenburg. 


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 Ich folge der Ahr auf ihrer vielleicht atemberaubendsten Etappe. Links und rechts der Ahr wiederholen sich die Felsen als senkrechte Wand. Eine Abfolge von Burgruinen. Altenahr mit seiner Ruine erscheint noch herausgestellter, noch höher, noch klarer gegen den stahlblauen Himmel heraus geschält. Die Wendung kommt vor dem Tunnel. Einsam fließt die Ahr weg, schweift aus in lang ausholenden Mäandrern, während die Straße zurückdreht in den Tunnel hinein, über dessen Fels die Ruine noch einen Rest von Macht und Einfluss dokumentiert. Immerhin waren es rund 400 Jahre, die die damalige Burg den Grafen von Are die Herrschaft über das Ahrtal verliehen hatte. Weggesprengt durch napoleonische Truppen, bestaune ich aus der Ferne die ehrwürdigen Überreste, die meine Fantasie anregen. Burgruinen haben schon immer etwas mythisches, sagenumwobenes, unerklärliches gehabt.


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Pause in Altenahr. Ich trinke zwei Weizenbier. Danach komme ich mir benebelt vor, denn ich muss das Ahrtal verlassen und rund 200 Höhenmeter bewältigen. Der weitere Verlauf der Steigung trifft mich eher wie ein Schlag. 30 Grad Außentemperatur sind auf dem Rennrad normalerweise unkritisch. Unerträglich wird es ab 32 oder 33 Grad. Doch da spielt diesmal die Sonne nicht mit. Irgendwie schafft sie es bei den 200 Höhenmetern ständig, genau die Lücke zwischen den Waldstücken mitten auf die B257 zu finden, so dass sie unaufhörlich auf meinen Kopf knallt. Mit dem Gesicht in die Sonne hineinschauend, bringt sie mich zum Wahnsinn. Die Erlösung kommt, als ich NRW erreiche. 


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Kalenborn, mit einem leichten Auf und Ab folgen die Hügel dem Höhenzug. Dahinter die Landesgrenze NRW: der Straßenverlauf hat sich gedreht, und ein schützendes Dach von Schatten bildet sich über den Waldstücken. Ich bin wieder klar im Kopf, und ab hier ist wieder alles in Ordnung.

Von Todenfeld aus die wunderschöne Abfahrt nach Rheinbach, und in Rheinbach stoppt mich der Durst. Kurz Flüssigkeit auftanken im  Rheinbacher Brauhaus. Das Bier aus der hauseigenen Brauerei hat meine letzten Reserven aufgebaut, die ich bis zu Hause noch brauche.


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Die 100 km-Grenze habe ich nicht geknackt. Fünf Stunden bin ich insgesamt unterwegs gewesen. Zu Hause habe ich geschwitzt ohne Ende. Ohne Steigung, hätte ich gut noch einige Kilometer dranhängen können. Dann wären es vielleicht sogar noch 120 km geworden. Doch soweit wollte ich noch nicht ausholen. Ich fühle mich nicht erschlagen. Meinen Durst lösche ich zu Hause mit einem Weizenbier.

Nicht platt und erschöpft, das ist die Hauptsache.





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