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von: Dirk am: 24.10.2014
Dirk Autor(in): Dirk    |   24. Okt 2014   |    Kategorie: Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Tourentipps,

Potsdam – Hamburg nonstop mit dem Rennrad

Der Wecker klingelt um vier Uhr morgens. Das ist definitiv nicht meine Zeit, aber ich will heute Abend in Hamburg sein. Es ist die längste Tour, an die ich mich je gewagt habe: Von Potsdam nach Hamburg, von der Mitte der Havel bis ans Ende der Elbe. Nun ja, Zeit für einen Kaffee und eine Schüssel Haferflocken ist noch. Das gibt genug Antriebsenergie für die erste Zeit.

Ein paar kleine Kartenausschnitte von Google Maps sind ausgedruckt, ein Navi verwende ich nicht. So schwer wird es ja nicht sein, die Hansestadt zu finden. Fünf Uhr … es geht los! Meinen Singlespeeder hatte ich schon am Abend zuvor gesattelt: In der Rahmentasche sind Energieriegel, in der Satteltasche ist Flick- und Werkzeug. Am Lenker ist vorübergehend ein Flaschenhalter installiert – im Alltag brauch ich ja sonst keinen. Und schlussendlich: vorn auf dem Gepäckträger klemmt noch eine Jacke für alle Fälle. Das sollte als Marschgepäck reichen.

Sonnenaufgang bei Potsdam-Nord

Sonnenaufgang bei Potsdam-Nord

Einmal quer durch das verschlafene Potsdam. Ein paar Frühaufsteher eilen zur Arbeit. Doch es ist Ferienzeit, die meisten schlafen wohl noch. Die Stadt ist leer, ich gleite ungestört durch die kühle Morgenluft. Kurz nach der Stadtgrenze begrüßt mich die aufgehende Sonne mit einem wunderschönem Farbspiel. Ich habe mir fest vorgenommen, diszipliniert alle 30 Kilometer einen kurzen Stopp einzulegen, um einen halben Energieriegel zu futtern. So bleibt der Blutzuckerspiegel im grünen Bereich und mir droht kein Hungerast. Beim ersten Zwischenhalt bin ich bei Nauen. Ein leichter Rückenwind hat mich sehr schnell hergebracht. Hochmotiviert gehts weiter. Nächste Etappe: Friesack. Hier musste ich ein Stück auf der Bundesstraße 5 fahren. Viele – wenn auch sehr rücksichtsvolle – LKWs überholen mich. Irgendwie muss ich mir einen anderen Weg suchen, das ist mir zu gefährlich. Ich finde einen kleinen Landstraßenumweg über ein paar Dörfer. Immer noch kein Radweg, aber dafür auch kein Verkehr. Schon besser!

Das letzte Stück in Brandenburg bringt mich ins schöne Ländchen Rhinow. In Stölln steht neben der Straße ein Wegweiser zu Lady Agnes. Die alte Illjuschin IL 62 der Interflug steht hier als Andenken an den Flugpionier Otto Lilienthal. Mit einem Augenzwinkern wird hier behauptet, dass es der älteste Flugplatz der Welt ist. Der Himmel ist inzwischen dunkelgrau geworden. Nach dem ich wieder mein Picknick verputzt habe, fallen die ersten Tropfen.

Lady Agnes auf dem ältesten Flugplatz der Welt

Lady Agnes auf dem ältesten Flugplatz der Welt

Aaaargh! Die gesamte nächste Etappe lang schlägt mir der Regen waagerecht ins Gesicht. Ich bin inzwischen in Sachsen-Anhalt und am Horizont erscheint die unverkennbare Silhouette von Havelberg. Und plötzlich ist der Regen weg und die Sonne wieder da. Spontan beschließe ich, den üblichen Energiehappen gegen einen Besuch beim Bäcker mit heißem Kaffee und warmem Kuchen einzutauschen. Die Sonne trocknet derweil meine Sachen. Mit wiederhergestellter guter Laune geht es weiter. Ich verabschiede mich von der Havel und begrüße die Elbe, die mich nun mehr oder weniger an mein Ziel leitet. In Richtung Werben nehme ich die erste Elbfähre. Die antriebslose Technik der Gierseilfähren fasziniert mich jedes Mal. Weiter geht es in der Altmark. Kleine, verschlafene und hübsche Dörfer. Ich glaube, das Auenland liegt gar nicht in Mittelerde, sondern an der Elbe. Hier gönne ich mir feierlich zehn Minuten Pause und lege mich ins weiche Gras, denn es ist knapp Halbzeit: 150 Kilometer sind geschafft!

Sachsen-Anhalt liegt hinter mir, Niedersachsen steht nun auf der Karte. Hier im Wendland gibt es einfach nur … ähm … Gegend. Unendliche Weiten bis zum Horizont. Felder, Wälder, nur wenige Ortschaften. Das wird zum Problem: Die Mittagssonne steht am Himmel und meine Trinkflasche ist leer. Sonst konnte ich sie immer in kleinen Läden oder Tankstellen auffüllen, aber hier gibt es nichts. Auf einem Kirchhof steht eine Handpumpe. Das Wasser schmeckt komisch, der Durst wird größer. Endlich: In Gehöft kocht jemand einen weithin duftenden Eintopf. Ich klingele an der Haustür und frage, ob ich mal nachtanken darf. Nach einem kurzen verwirrten Blick der Hausherrin winkt sie mich herein und ich kann alle Wasservorräte auffüllen. Gerettet.

Gorleben und Hitzacker sind die nächsten zwei Etappenziele. In Hitzacker geht es wieder über die Elbe. Ich warte am Steg darauf, dass die winzige Fähre übersetzt. Als das Schiffchen gerade am anderen Ufer ablegt, schiebt sich ein dicker Ölfrachter die Elbe hinauf. Die Fähre trötet eine eigenartige Tonfolge, die der große Tanker dröhnend beantwortet. Ich bin ja kein Seemann, aber das war mit Sicherheit kein übliches Schifffahrtssignal! Als die Fähre anlegt, wird das Geheimnis des eigentümlichen Konzertes gelüftet: Die beiden Kapitäne sind Brüder und haben sich begrüßt.

    Der große und der kleine Bruder

Der große und der kleine Bruder

Später Nachmittag. Vor mir liegt der entspannteste Teil der Fahrt: Kilometerweise Elbdeiche. Der glatte Asphalt schnurrt unter den Reifen. Nur ab und zu begegnen mir ein paar Radler oder Spaziergänger oder eine Herde Schafe. Meine Trinkflasche ist wieder mal leer, aber eine gute Seele hat einen kleinen Verkaufsstand mit Kasse des Vertrauens an den Deich gestellt. Flaschen mit frisch selbstgemosteten Apfelsaft warten auf so verplante Radwanderer, wie mich. Perfekt!

Elbdeiche sind die besten Radwanderwege

Elbdeiche sind die besten Radwanderwege

Ein kurzer Abstecher führt mich am frühen Abend noch ein letztes kurzes Stück durch Sachsen-Anhalt. Es ist Abendbrotzeit. Energieriegel kann ich inzwischen nicht mehr sehen. An einem türkischen Imbiss in Lauenburg beschließe ich, mal eine richtige Pause einzulegen und einen Döner zu essen. Gestärkt gehts weiter. Hamburg ist schon ständig ausgeschildert, das motiviert ein bisschen. Bis Geesthacht wird die Strecke überraschend hügelig. Es geht auf straßenbegleitenden Radwegen bisweilen steil rauf und runter. Für müde Beine auf einem Singlespeeder keine leichte Sache. Am liebsten würde ich jetzt alle 10 Kilometer eine Pause einlegen. Auf dem Tacho stehen längst 300 Kilometer, aber die Stadtgrenze ist noch lange nicht in Sicht. Da … endlich! Die Sonne ist bereits versunken, da taucht das Ortseingangsschild auf. 310 Kilometer. Schnell absteigen und ein Selfie schießen. Doch noch bin ich nicht da, denn Hamburg ist groß. Ziemlich groß sogar. Aber nun hält mich nichts mehr: Mit vollem Tempo gehts quer durch die Stadt. Bei meinem Freund angekommen stehen am Ende knapp 320 Kilometer und dreizehneinhalb Stunden im Sattel auf der Uhr. Ich bin stolz und müde, aber die Beine wollen noch lange nicht Ruhe geben. Rund 55.000 Umdrehungen haben sie heute gemacht, das kann man nicht so schnell abschalten. Na dann, gute Nacht.





3 Kommentare »

  1. Tom — 24. Dezember 2014 @ 13:51

    Klingt ja nach einer spannenden Tour. Mich würde interessieren welche Motivation dahinter steckt? Nur der Besuch beim Freund oder das schöne Gefühl einfach Rad zu fahren? Jedenfalls klingt das alles sehr interessant! Viel Spaß weiterhin!

  2. Dirk — 24. Dezember 2014 @ 23:45

    Hi Tom. Danke fürs Lesen! Über die Motivation hab ich nie ernsthaft nachgedacht. Damit kommt dein Gedanke „das schöne Gefühl einfach Rad zu fahren“ wohl der Wahrheit am nächsten. Ein Nebengrund für diese Tour war, dass ich mal ausprobieren wollte, 300 km mit dem Eingangrad zu fahren. Ich wollte das Ganze mal ohne Leistungsdruck für einen Radmarathon ausprobieren. Doch in erster Linie ist es einfach das Glück, auf zwei Rädern durch die Landschaft zu gleiten.

  3. Bernhard — 3. April 2016 @ 22:46

    Herzlichen Glückwunsch nachträglich,
    das ist schon eine tolle Leistung !

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